Balintarbeit - Arbeitsweise am Beispiel der Sonthofener Gruppe

1. Auszug aus veröffentlichtem Tagesprotokoll :

Freitag, 13.Okt 1995 - 9.00 - Ein Hotel im Oberallgäu.

... Was schon die anfängliche "Blitzlichtrunde", wo jeder seine Befindlichkeit mitteilen kann, offenbart: alle fühlen sich mehr oder weniger ausgebrannt, frustriert von den beruflichen Rahmenbedingungen, haben existentielle Zukunftsängste, fühlen sich bedroht von schwierigen und fordernden Patienten, umgeben von demotivierten, ja kontraproduktiven Mitarbeiterinnen. ...
 

... Wie in der Balintgruppe üblich beginnt ein Kollege seinen spontanen Bericht über die Konflikte in seinem Team, anonym aber ansonsten ungeschminkt, weil er weiß, hier ist das sonst übliche Theaterspielen und Verstecken überflüssig,

niemand wird ihn in Frage stellen, kritisieren oder lächerlich machen niemand wird etwas nach draußen tragen, längst haben sich alle dazu verpflichtet, aus der Kompetenz der Gruppe heraus einander Helfer zu sein bei den ganz alltäglichen Berufsproblemen, die so unterschiedlich gar nicht sind.

Der Gruppenleiter unterbricht ihn nach einer Weile, jetzt muss er aufmerksam zuhören, die Rückmeldungen, Vermutungen und Fragen kommentarlos aufnehmen, so wie die Gruppe ihm zuvor schweigsam "Raum" gegeben hat. Dann soll er diese Rückmeldungen aufgreifen und anschließend mit der Schilderung fortfahren. Als die Gruppe erfährt, dass nach zwei vorausgegangenen Kündigungen jetzt auch noch die Ersthelferin mit Kündigung droht, unterbricht der Gruppenleiter erneut den Bericht, fragt nach den Gefühlen und körperlichen Empfindungen in der Gruppe: Traurigkeit, Panik, Engegefühle in der Brust und im Bauch signalisieren die existentielle Bedrohlichkeit durch die Kündigungsabsicht der Ersthelferin, was durch einen erneutes "Focusing" unterstrichen wird, welches den Rückgang der Symptome deutlich macht, sobald der Kollege weiter berichtet, dass diese Kündigung dann doch zurückgenommen worden ist. Unklar bleibt für die Gruppe zunächst noch, wodurch die Stimmung im Team des Kollegen eine solche Talfahrt eingeschlagen hat - Das Problem ist noch immer nicht gelöst.

Jetzt fordert der Gruppenleiter den Kollegen auf, als Regisseur zu wirken, aus der Gruppe Darsteller für sein Team zu gewinnen, die nichts anderes zu tun haben, als sich nach seiner Anweisung als Team aufzustellen und spontan zu äußern, wie sie sich dabei fühlen. Dabei wird schnell deutlich, wie konfrontativ sich Ersthelferin und Ehefrau des Kollegen begegnen, den "Chef" völlig außen vor lassend wohl eine Atmosphäre erzeugt haben, dass sich die anderen Mitarbeiterinnen nutzlos im Abseits fühlten, die Konsequenzen gezogen haben , die Ersthelferin alleine und völlig überfordert zurücklassend in ihrem Kampf um den Chef und sein Vertrauen gegen dessen Ehefrau.

Nach eingehender Besprechung in der Balint- Runde wird das Team gebeten, sich selbst nochmals so zu stellen, dass es jedem soweit möglich angenehm ist.

Diese neue Positionierung - wie sooft in Kreisform - wird auf eine Gesprächsführungsübung für den "Original- Chef" am "runden Tisch" übertragen mit dem Thema: "Wie soll es mit unserer Praxis weiter - wieder aufwärts - gehen ?"

Der wunschgemäße Videomitschnitt wird inhaltlich wie nach den Kriterien klientenzentrierter Gesprächsführung und (Körpersprache-) Analyse abschnittweise besprochen.

Die Wichtigkeit der Entdeckung ungeahnter Ressourcen aller beteiligten Personen, neuer Sichtweisen, die Zeichnung einer neuen "Landkarte", die durch ungetrübte Wahrnehmung der tatsächlichen "Landschaft" (der Realität) ähnlicher wird, wird herausgearbeitet durch die "angeborene" Kompetenz der Gruppe, die immer klüger ist als alle Einzelnen. ...

... Im Laufe des Tages rundet sich dieses neue Bild durch eine kleine Ideenbörse auch zu ganz praktischen, fachlichen, wirtschaftlichen oder rechtlichen Problemen.

Auch bleibt noch Platz, mehrere "schwierige Fälle" von Patienten mit der Balint- Methode zu besprechen . ...

  1. Beispiel aus einer Veröffentlichung: Eine Studenten - Balintgruppe (10 Semester), die ich leite. anlässlich einer Tagung der Arbeitsgruppe Zahnmedizin der DGMP in Kiel:

Der angehende Kollege berichtet von seiner Patientin, die ihn sehr beschäftigt, seit dem sie ohne Zeichen von Angst oder Schmerz bei geringstem Anlass schon bei Behandlungsbeginn zu weinen beginnt. Fragen und Spekulationen der Gruppe verbunden mit dem Bericht und den Antworten und Korrekturen des Kollegen bringen die Mosaiksteine: vorangegangene Scheidung, Wunsch nach Zuwendung, Wunsch an den Behandler, er solle (alle) Probleme lösen. - Idealisierung auch in der Behandlung. Der Kollege fühlt sich - vor der Balintgruppe - mit seinem "Latein" am Ende, spürt Abhängigkeiten der Patientin gegenüber, die Angst, in jeder Weise versagen zu müssen.

Durch die Bilder aus der Gruppe erfährt er sich (sekundäre Selbsterfahrung) nebeneinander als ungefährliche Vertrauensperson, Ehemann - Ersatz und jugendlicher Liebhaber, auch als Sohn einer depressiven Mutter (- Patientin mit depressiver Struktur und Abhängigkeitsproblematik. ) Dadurch wird seine Kompetenz erweitert, dass er bemerkt, welche Rolle er für sich annehmen kann und wie er der Patientin mit Einfühlung, Vertrauen und Zuwendung wirklich helfen kann, wo aber auch seine Grenzen (noch) sind, wo und wie er eine "Überweisung" (letztlich auch ein "Wegschicken") ohne erneute Traumatisierung der Patientin anbahnen könnte und müsste zur Psychotherapie, welche der übertragenen Rollen und Aufgaben er nicht übernehmen kann oder will (Sohn, Liebhaber, Ehemann, allmächtiger Problemlöser) und welche Abhängigkeiten losgelassen werden können, welchen Idealisierungen dringend entgegengewirkt werden muss, um unausweichliche Enttäuschungen ("Koryphäen - Killer - Syndrom") zu vermeiden. ...

... Das Abschlussblitzlicht offenbart: allen geht es besser, mit neuer Energie, Mut, positiver Spannung und neuen Ideen gehen sie den nächsten Monaten und der Umsetzung des Erarbeiteten entgegen, wissend, dass schon die Ideen vom letzten mal positive Veränderungen eingeleitet haben. ...